Weinviertel Österreich

Reise ins Weinviertel

Morgens um neun am Helmut-Schmidt-Airport wie der Hamburger Flughafen mittlerweile heisst. Treffpunkt am Gate hieß es. Man möge bitte pünktlich sein, stand in der Mail, die anscheinend nur ein Bruchteil der Reisegruppe gelesen hat, zumindest stehen wir nur zu dritt im Kreis und trinken zu heissen Kaffee: die Reiseleitung, ein Vertreter von der Insel und ich. Der Flug geht um halb elf, klar ist da noch keiner hier. Mit viel Geduld, Zeit und ein paar Telefonaten lassen sich die restlichen Teilnehmer gerade rechtzeitig auftreiben.
An Bord der ausgebuchten Austrian Airlines Maschine läuft zur Begrüßung Strauss und zum Kaffee gibt es Manner-Schnitten. Nicht Waffeln, nein: Schnitten. Wichtig! Österreicher mögen Titel. Auch beim Gebäck.

Manche Dinge sind immer gleich

In Wien werden wir von unserem Fahrer Goran bereits erwartet, sowie von unserem letzten Reisegruppenmitglied das unsere neunköpfige Gemeinschaft vorerst komplettiert. Im modernen Kleinbus gibt es neben USB-Lademöglichkeit kaltes Bier. Im Radio läuft – natürlich – Falco. Man hätte es nicht besser planen können.
Die Fahrt zu unserem ersten Ziel ist, abgesehen von kaltem Bier, ziemlich ereignislos. Nach eineinhalbstündiger Reise Richtung Nordwesten kommen wir mit kleiner Verspätung im Weingut Setzer in Hohenwarth an, wo wir nicht nur von mehreren Winzern bereits erwartet werden sondern sich auch unsere Reisegruppe noch vergrößert. Und zwar von den Organisatoren derselbigen: Ulrike Hager vom Regionalen Weinkomitee Weinviertel, Susanne Platzer und Katharina Sedlmayr von Culinaricum Bavaricum, der Foodbloggerin Kerstin Getto von cookingaffair.de sowie dem Fotografen Sam Palandech (Link). Von dem sind übrigens die ganzen tollen Fotos. Nach einem leckeren, erfrischenden Glas Sekt vom Hausherren, gibt es endlich was zu Essen. Wir kriegen eine klassische österreichische Brettljause serviert. Das bedeutet: viel Wurst, Schinken und Käse. Dazu Brot und Kümmelgebäck, das ich persönlich sehr schätze. Das besondere: An jedem Tisch sitzen nicht nur durstige Besucher aus dem Norden, sondern auch zwei Winzer die schon mal einen ersten Wein vorstellen.

Erste Verkostung

Im Anschluss dürfen wir ganz in Ruhe mit jedem Winzer seine Weine verkosten. Dafür gibt es fünf separate Stationen, so dass man sich wirklich aufeinander einlassen kann und ungestört fachsimpeln und probieren darf.

Folgende Winzer haben ihre Weine präsentiert: (Links einsetzen)
– Weingut Hofbauer-Schmidt aus Hohenwarth
– Weingut Pfaffl aus Stetten
– Weingut Schüller
– Weingut Setzer, der Gastgeber aus Hohenwarth
– Weingut Sutter 

Bei allen liegt der Schwerpunkt klar auf Grünem Veltliner und für diesen gibt es sogar eine eigene geschützte Ursprungsbezeichnung: Weinviertel DAC. Wo das drauf steht ist zu 100% Grüner Veltliner aus dem Weinviertel drin. Alle anderen Weine aus der Gegend tragen die Herkunftsbezeichnung Niederösterreich.
Gut waren die Weine alle, drei möchte ich dennoch gesondert erwähnen. Besonders beeindruckend war die Reserve 8000 von Setzer. Wenn ich müsste, würde ich mir damit ohne zu zögern den Keller voll machen. Hans Setzer hat vor einigen Jahren einen Teil seiner besten Lage „Ried Laa“ mit einem alten Klon von Grünem Veltliner bepflanzt. Und zwar mit 8000 Reben auf einem Hektar. Diese Pflanzdichte gibt es sonst eigentlich nur im Burgund. Das Ergebnis ist ein extrem konzentrierter, dichter und trotzdem eleganter Wein. Durchaus fordernd und eher was für die besonderen Anlässe, aber mit etwas richtig gut.

Von leicht bis dicht

Für jeden Tag würde ich den Weinviertel DAC „Zeisen“ von Pfaffl nehmen. Gewachsen ist der Wein auf einem versteinerten Austernriff – diese geologische Besonderheit begegnet uns am nächsten Tag noch mal. Der Zeisen ist typisch Veltliner: pfeffrige Frucht, leichter Körper und angenhemer Schmelz. Im Vergleich zu den Weinen aus der Wachau einen Tick frischer, was allgemein auf fast alle Veltliner aus dem Weinviertel zutrifft. Und dadurch deutlich trinkbarer.
Ernsthafte Konkurrenz für meinen geliebten fränkischen Silvaner gibt es in Form des Frühroten Veltliners vom Weingut Sutter, einer Kreuzung aus Silvaner und rotem Veltiner, der überraschenderweise nicht mit dem grünen Veltliner verwandt ist. Der Wein ist sehr karg, straff und schlank. Susanne bezeichnet ihn als „nackerten Wein“, was ich sehr treffend finde. Davon gerne mehr.

Tafeln im Weinberg

Bevor es zum Dinner in den Weinbergen geht, checken wir im Hotel Althof in Retz ein und haben kurz Zeit uns frisch zu machen. Die weitläufige Hotelanlage hat den typischen Charme eines in die Jahre gekommenen modernen Tagungshotels, das trotzdem keinen Komfort vermissen lässt. Wellnessbereich mit Pool, bequeme Betten, sauberes Bad und gut bestückte Minibar – alles da. Weiter geht es in unserem Bus nach Roseldorf. Diesmal mit Ulrike Hager vom Weinkomitee, die uns auf der Fahrt mit Geschichten und Fakten übers Weinviertel versorgt. Am treffendsten beschreibt das Gebiet der Satz: „Man muss nix müssen.“ Erst seit kurzem heissen die Gästezimmer in der stark landwirtschaftlich geprägten Region nicht mehr „Fremdenzimmer“. Das zeigt zum einen wie verschlafen und beschaulich es hier ist, aber auch, dass sich etwas tut.
In Roseldorf gibt es Überreste einer Keltensiedlung im Weinberg, davon bekommen wir aber nicht viel mit. Wir sind ja auch zum Essen hier. Die Kelten dienen nur als Namensgeber, es wurde geladen zum „Tafeln im Weinviertel bei den Kelten am Sandberg“. Die Veranstaltungsreihe „Tafeln im Weinviertel“ erfreut sich insbesondere bei den Wienern großer Beliebtheit, die Karten sind oft kurz nach Verkaufsstart weg.

Bekocht werden wir vom Team von Wagner’s Wirtshaus aus Hollabrunn und die Weine kommen von Roseldorfern Winzern:
Weingut Beyer
Bio-Weingut Weber
Weingut Zöchmann

Auf der Wiese hinter dem Keller vom Bio-Weingut Weber stehen zwei lange Tafeln, weiß eingedeckt. Die Sonne steht schon recht tief und taucht alles in goldenes Licht. Wir nutzen die Zeit bis zum Essen und erkunden die Reben, die schönen Gästezimmer und den Keller.
Zu dem fünfgängigen Menü servieren pro Gang je zwei Winzer einen passenden Wein, zwischendurch spielt eine Liveband. Es gibt regionale Spezialitäten wie Saibling, Tomaten, Kürbis, Strohschwein und Topfen mit Pfirsich zum Schluss. Die Magnum 2017 Riesling Envoy von Beyer haben wir zuerst ausgetrunken.
Bevor es ins Bett geht, nehmen wir noch einen Absacker in der Weinbar „Weinquartier“ in der Altstadt von Retz. Wir entscheiden uns für einen Gemischten Satz von Christoph Bauer. Und für Gin Tonic.

Am nächsten Morgen geht es um 9 Uhr weiter im Bus nach Mailberg zum Weingut & Weindomizil Hagn. Da das Mittagessen bereits für 11.45 Uhr angesetzt ist, wird das tolle Frühstücksbuffet des Hotels von den wenigsten in Gänze genutzt. Die schattige Terrasse im Innenhof des Hotels verleitet allerdings zum Sitzenbleiben, der Tag soll heiß werden.
Das Weingut & Weindomizil Hagn ist supermodern. Das Gästehaus und Restaurant ist ein Neubau aus 2009, der Keller wurde 2007 komplett neu aufgebaut und die Weingalerie genannte Vinothek wurde erst dieses Jahr eröffnet. Es finden diverse Veranstaltungen statt, meist in Kooperation mit anderen Handwerksbetrieben aus der Region, wie Bäckern und Metzgern. Bei unserer Ankunft wird gerade für den Abend vorbereitet. Alles in Weiß, Sonnensegel, DJ, Ibizafeeling, SUVs mit Aufdruck vom örtlichen Autohaus.
Das Weingut ist energieautark: der Keller muss im Winter nicht gekühlt und im Sommer nicht geheizt werden. Auf dem Dach befindet sich eine Photovoltaikanlage die das komplette Gut mit dem benötigten Strom versorgt.
Die historische Kellergasse wurde nicht nur erhalten sondern behutsam erweitert. Der Neubau fällt auf den ersten Blick nicht auf. Im historischen Teil des Kellers findet sich sogar noch eine alte Baumpresse die allerdings nicht mehr genutzt wird.
Von dem Keller mit den modernen Edelstahltanks gibt es ein Guckfenster zur Weingalerie, beziehungsweise von oben nach unten. Der Keller ist beleuchtet wie eine Disco mit wechselnden bunten Farben, was eine gewisse Stimmung erzeugt. Im krassen Gegensatz dazu stehen die weitläufigen Räume des Fasskellers.

Im Anschluss geht es wieder nach oben, in die moderne Weingalerie. Den Namen hat sie nicht zu Unrecht, zieren doch sowohl die Deck als auch die Wände diverse Gemälde und Kunstwerke.
Wir verkosten von fünf Winzern je drei Weine, darunter mindestens ein roter.
Weingut Christoph Bauer
Weingut Norbert Bauer
Weingut & Weindomizil Hagn
Schlossweingut Souveräner Malteser Ritterorden
Weingut Zull

Bei den verkosteten Grünen Veltlinern überzeugen vor allem der gehaltvolle „Green Hunter“ von Hagn (10 Tage Maischestandzeit und Ausbau im großen Holz) und die massive Weinviertel DAC Reserve Privat von Christoph Bauer (Ausbau in gebrauchten 300 Liter Fässern auf der Vollhefe, unfiltriert abgefüllt). Mein Favorit bei den Rotweinen ist der Pinot Noir vom Weingut Zull. Sehr frisch, erdig mit toller Struktur. Auf jeden Fall was für die besonderen Anlässe.

Nach der Verkostung nimmt uns Wolfgang Hagn mit auf die Terrasse seines Restaurants zum Mittagessen. Über der Terrasse sind Sonnensegel gespannt und zum Tal hin schützt eine Glaswand vor Windböen. Was gut gemeint ist, erweist sich als fatal. Die Hitze staut sich und man fühlt sich wie im Backofen. Die schnell aufgestellten Ventilatoren schaffen da kaum noch Abhilfe, mein T-Shirt ist schnell durchgeschwitzt. Das Menü ist gut, auch wenn ich wegen der Hitze eigentlich gar nicht essen mag. Der kühle Wein ist deutlich attraktiver.

Mit deutlicher Verspätung geht es weiter im Bus nach Poysdorf wo wir im Weingut Ebner-Ebenauer von folgenden Winzern mit je drei Weinen erwartet werden:
Weingut Dürnberg
Weingut Ebner-Ebenauer
Weingut Gruber Röschitz
Weingut Taubenschuss
Weingut Georg Toifl

Das Thema ist „Weinviertel DAC & Burgunder“, die Winzer präsentieren neben mindestens einem Grünen Veltliner auch Weine aus Burgunderrebsorten. So verkosten wir Weiß- und Grauburgunder, Spätburgunder und Chardonnay. Und den genialen Blanc de Blancs Zero Dosage Vintage 2010 von Ebner-Ebenauer. Ein Schaumwein, der so manchen Champagner blass werden lässt. Ungeschwefelt abgefüllt ohne Dosage nach 5-7 Jahren Hefelager ist er meist ausverkauft, kaum dass er auf dem Markt ist.
Überraschend war die durchweg sehr hohe Qualität der hier präsentierten Weine bei den noch relativ niedrigen Preisen. Das dürfte sich ändern, sobald sich rumgesprochen hat, was hier passiert.

Meine Favoriten:
– Ebner-Ebenauer 2015 Grüner Veltliner Black Edition
– Weingut Dürnberg 2016 Weinviertel DAC Reserve Rabenstein
– Gruber Röschitz 2015 St. Laurent Black
– Weingut Taubenschuss 2015 Weinviertel DAC Reserve Ried Tenn
– Weingut Georg Toifl 2016 Weißburgunder Ried Seeleiten

Wir quatschen uns so sehr mit den Winzern fest, dass unsere Verspätung doch schon sehr ansehnlich ist. Ulrike und Susanne drängen verständlicherweise zur Eile, wollen wir doch nicht nur unseren Rückflug kriegen sondern vorher noch die „Jungen Wilden“ die ihre Weine auf dem Weingut Schödl in Loidesthal präsentieren.

Empfangen werden wir von Viktoria und Mathias Schödl mit einem Glas ihres Blanc de Blancs Sektes und treffen auf die Winzer Martin Obenaus, Elisabeth Rücker und Leo Uibel. Wir verkosten von jedem Winzer zwei Weinviertel DAC und einen Rotwein. Da wir mittlerweile richtig spät dran sind, gibt es die geplante Brettljause parallel zur Verkostung, wieder mit viel Aufschnitt, Wurst und Käse.
Die Weine sind auffallend anders als alles was wir bisher auf dieser Reise probieren durften. Offensichtlich wird hier ohne Scheu und Vorbehalte vieles ausprobiert. Eine richtige Bereicherung.
Mein Favorit war vom Gastgeber Schödl der Grüner Veltliner Ried Götzenthal 2017. Auch der GOLEM vom Leo Uibel, der Gaisberg 2014 von Martin Obenaus und der Zweigelt Halblehen von Elisabeth Rücker haben Eindruck hinterlassen.
Und der PetNat von Leo Uibel, den wir zum Abschluss trinken durften, der einzige in zwei Tagen. Leider müssen wir zügig zurück nach Wien um unseren Flug zu kriegen, gerne würden wir noch länger bleiben.
Am Flughafen trinken wir noch einen Gin & Tonic, im Flugzeug gibt es Dosenbier und Manner Schnitten.

Im Weinviertel tut sich was. Das ist längst nicht mehr nur die Kürbisproduzierende Grenzregion zu Tschechien und der Slowakei. Klar, strukturstark ist anders und die Steiermark mag die reizvollere Landschaft haben. Aber wer wirklich noch das authentische und unverstellte sucht und erleben möchte wie eine Region im Aufbruch sich anfühlt, muss hier hin. Ganz zu schweigen davon, dass die Weine noch extrem preisgünstig sind.

Für weitere Infos schaut euch die Seite von Komitee Weinviertel DAC an:
https://www.weinvierteldac.at

Übrigens: Am Montag, 12.11.2018 habt Ihr die Gelegenheit die Weine des Weinviertels bei einer einzigartigen Verkostung in Hamburg kennenzulernen. Um teilzunehmen, schreibt mich einfach an.

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