On Tour: Naturwein in Katalonien

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Reise nach Katalonien

Mein erster Besuch in Spanien, Mallorca zählt jetzt mal nicht.
Abflug pünktlich vom Helmut-Schmidt-Airport Hamburg Fuhlsbüttel um 13.30 mit Ryanair. Platz C 27. Ich liebe Gangplätze. Lese „Rausch“ von John Griesemer bis ich einschlafe. Dabei hilft ein Heineken aus der Dose. Das Buch handelt nicht vom Alkohol wie der Titel vermuten lässt, sondern vom Abenteuer des ersten Transatlantikkabels.
Viele Kleinkinder an Bord, das von 12 E führt eine längere energische Diskussion mit dem auf 28 B. Ich direkt dazwischen. Oropax lassen mich weiterschlafen.
Landung pünktlich um 16.05 in Barcelona. Der Himmel ist klar, die Stadt sieht toll aus von oben.

Olaf holt mich mit seinem riesigen VW Bus ab. Das erste was mir auffällt ist der beeindruckende Berg Montserrat mit seinen schroffen Gipfeln die so ganz anders aussehen als die weichen, bewaldeten Berge drum herum.

Betreutes Trinken Katalonienreise_Januar2018_OlafSchindler_VinBien_PartidaCreus

Chaos und Ordnung

Fahrt zu Partida Creus in Bonastre. Die Landschaft durch die wir fahren ist von roher Schönheit, auf unserer linken Seite blitzt immer mal wieder das Meer durch in dem sich die untergehende Sonne spiegelt. Als wir ankommen dämmert es bereits. Massimo ist nicht auf dem Weingut, aber seine Mitarbeiterin Emily begrüßt uns. Olaf hat kühles Bier im Bus. Zoltan und Tommy , zwei Jungs aus Ungarn die für einige Zeit auf dem Weingut arbeiten, kommen dazu. Beim zweiten Bier taucht Massimo auf. Ganz offensichtlich hat er bereits eine Verkostung hinter sich.

Er geht mit uns direkt in seinen Keller um uns die „Extra“ Sachen zu zeigen. Diese Weine werden aus externem Traubenmaterial bereitet und sind, obwohl noch lange nicht fertig, bereits im Verkauf. Quasi eine Art Crowdfunding um eine dringend benötigte Erweiterung der Lagerkapazitäten zu finanzieren. Die Weine von Partida Creus sind Naturweine, was bedeutet, dass im Weinberg mindestens ökologisch, meist sogar biodynamisch gearbeitet wird und man im Keller auf Zusatzstoffe, allen voran Schwefel. verzichtet. Das ist die Kurzversion. Voraussetzung für das Gelingen dieser Weine ist penibelste Sauberkeit im Keller und die Weine benötigen länger um sich nach der Gärung zu beruhigen und stabil zu werden. Dafür braucht Massimo Platz.

Sein Keller ist so mit der sauberste, ordentlichste und organisierteste den ich bisher gesehen habe. So schrammelig der Rest des Weingutes ist, hier unten herrschen perfekte Bedingungen. Jeder Tropfen, der auf den Boden fällt, wird sofort aufgewischt. Wir verkosten direkt aus dem Fass und beginnen mit dem Blanca Extra, danach kommt der Tinto Extra. Ich mache mir zu Beginn noch Notizen. Massimo meint, ich solle das lassen und mich aufs Trinken konzentrieren. Ausspucken ist nicht drin. Die Extras sind sehr gut, der reinsortige Garrut genial. Wir probieren jedes Fass. Dann kommt Massimos Frau Antonella, Zoltan macht Nudeln und Olaf holt georgischen Naturwein aus seinem Bus.

Hinter den Weinen mit den hübsch designten Flaschen stehen Massimo Marchiori und Antonella Gerona. Die beiden wanderten von Italien nach Barcelona aus um dort zu arbeiten, dann um das Jahr 2000 hatten sie vom Großstadtrummel genug und zogen raus aufs Land. Sie suchten einen langsameren Lebensstil und fanden ihn in ihrem neuen Zuhause im Massis de Bonastre in Baix Penedés wo sie anfingen alles mögliche an lokalen Lebensmitteln ökologisch zu erzeugen. Nur den Wein, den sie sich vorstellten fanden sie nicht. Also kauften sie zunächst Weinberge. Sie suchten gezielt nach alten Pflanzungen lokaler Rebsorten. Die Einheimischen hielten sie zu Anfang für komplett verrückt, diese Weinberge bewirtschaften zu wollen. Schließlich sind die Erträge mit den alten Rebstöcken deutlich geringer und modernere internationale Rebsorten erzielen höhere Preise. Aber Antonella und Massimo ließen sich zum Glück nicht abbringen und bewirtschaften ihre Reben zusammen mit Orazio und Vincenza, einem Esel und einem Maultier. Ihre Naturweine gehören heute zu den besten und gesuchtesten weltweit und sind auf den Karten der besten Restaurants vertreten.

Massimo holt roten PetNat aus dem Keller und sabriert ihn. Olaf holt noch eine Flasche aus dem Bus, nochmal Georgien. Der Wein ist extrem trüb, die Feststoffe im Wein haben sich als Klumpen am Flaschenboden abgesetzt, er wird karaffiert und wir gehen wieder in den Keller um die Edelstahltanks zu verkosten.

Am nächsten Morgen wache ich mit dem dritten Hahnenschrei im Stockbett auf, Zoltan und Tommy sind eher wach. Zum Frühstück macht Zoltan French Toast und starken schwarzen Kaffee. Die eigentlich geplante Weinbergsbesichtigung müssen wir leider ausfallen lassen um rechtzeitig bei Joan Ramon zu sein.

Rock’n Roll

 

Die einstündige Fahrt führt landeinwärts in die Conca de Barbera. Schon von weitem sieht man den „Gegant“, den schlafenden Riesen an dessen Gestalt die Bergkette erinnert. Als wir ankommen ist Joan, der kaum Englisch spricht, gerade dabei Besuchern aus Singapur (von der Naturwein-Bar RVLT), die nur Englisch sprechen, seine Weinberge zu zeigen. Olaf dolmetscht ein wenig, irgendwie klappt die Verständigung. Die meisten Rebflächen grenzen direkt ans Haus. Joan zeigt uns die unterschiedlichen Bodenstrukturen, wo die hellrote Erde dunkelbraun wird und wo Steine an die Oberfläche kommen. An über 100 Jahre alten Macabeu Reben vorbei geht es zum Weingut. Bevor wir den Keller besichtigen gibt es Carajillo, Espresso mit Brandy und Joan macht Musik an. Laute Musik, Sachen von Led Zeppelin, Jimi Hendrix, Pink Floyd, Creedence.

Das Weingut Escoda-Sanahuja hat Joan Ramon Escoda 1999 zusammen mit seiner Frau in der nähe des Ortes Montblanc gegründet. Seit 2005 schwefelt Joan seine Weine nicht mehr und seine Weinberge bearbeitet er mit biodynamischen Methoden. Außerdem hat er mit seinem Freund Laureano Serres PVN gegründet, die erste spanische Naturweinvereinigung.

Auch Joans Keller ist extrem sauber und ordentlich, bis auf eine Sache: am Vortag hat er seine Ancestrales degorgiert und die Schürze, die er dabei anhatte, trägt deutliche Spuren. Die Hefe muss ihm ordentlich um die Ohren geflogen sein. Stolz zeigt er uns seine neue Pumpe, die den Wein noch schonender und stressfreier umpumpen soll. Die alte Korbpresse, mit der alle Weine gekeltert werden, steht mitten im Raum. Wir bewundern die riesigen Amphoren und probieren alles, was Joan aus ihnen und den Edelstahltanks abzapft. Besonders der „Mas del Gaio“ von den uralten Macabeu Reben und der „Coll del Sabater“ aus Cabernet Franc und Parellada haben mich begeistert. Aber richtig gut ist das alles. Ganz großes Vin nature Kino. Verflixt trinkbare Sachen, nie schwer und fett, sondern immer frisch und elegant mit ordentlich Trinkfluss und dichter Textur. Joan springt aufgeregt zwischen den Tanks umher wie ein Flummi und bekommt bei jedem neuen Wein leuchtende Augen.

Es geht unter die Erde in seinen Flaschenkeller, oder wie er ihn nennt: die Hölle. Zwei Stockwerke führen uns die Treppen nach unten. Dann stehen wir in einem beeindruckenden Gewölbekeller voller Flaschen. Vollbepackt Armen geht es zurück an die Oberfläche. Im zum Weingut gehörenden Restaurant „Tossal Gros“ setzen wir uns an die Bar, Joan stellt sich natürlich dahinter, dreht die Musik auf und fängt an die Flaschen aufzuziehen. Tanzend und singend schenkt er uns seine Weine ein, erzählt wilde Geschichten, manchmal auch über seine Weine. Als es dann noch einen Carajillo gibt, muss ich an die frische Luft. Die Sonne steht hoch am Himmel und der Blick über die Conca ist gigantisch.

Zum Mittagessen holt uns Jordi Llorens ab. Jordi ist ein Freund von Joan und ebenfalls Winzer. Wir fahren in den Ort zur „Bar Stop“ die früh am morgen öffnet und bereits um drei wieder schließt. Es gibt gegrillte Würste und Fleisch, dazu Bohnen, Paprika, Auberginen und Pan Catalan – Weißbrot das mit einer speziellen dickschaligen Tomatensorte und Knoblauch eingerieben und mit Olivenöl beträufelt wird. Joan und Jordi haben Wein mitgebracht, mir ist aber mehr nach Wasser. Zum Dessert gibt es Nüsse und süßen Muscat aus traditionellen Flaschen mit denen man sich den Wein in den Mund spritzt und dabei versucht die Flasche möglichst hoch zu halten. Ich stelle mich dabei gar nicht mal so blöd an, trotzdem endet es in einer Sauerei und Gelächter. Nach dem obligatorischen Carajillo fahren wir nach Blancafort zu Jordis Keller.

Ruhe

 

Jordis Keller ist im Vergleich zu den anderen der kleinste aber auch der sauberste. Massimo und Joan mögen saubere und ordentliche Keller haben, gegen diesen sehen sie aus wie mein Dachboden. Der Boden ist spiegelblank, alles steht an seinem Platz. Man merkt in/an jedem Detail was für ein Perfektionist Jordi ist. Er selbst strahlt eine unglaubliche Ruhe aus, er ist quasi das Gegenstück zu Joan. Auch ein genialer Weinmacher, den Weinen merkt man sein ruhigeres Naturell an. Sind die Weine von Joan teils wild und ungestüm, sind diese Weine ruhig und unaufgeregt. Er macht sehr sauberen Naturwein, Fehltöne gibt es keine, dafür immer eine klare präzise Frucht. Ausgebaut werden die Weine in Amphoren und im Edelstahltank. Zeitgleich mit uns ist seine Nachbarin da, die ihre eigenen Flaschen mit einem selbst entworfenen Etikett beklebt. Die für Jordis charakteristischen bunten Wachsversiegelungen macht er selbst. Dafür nimmt er jede Flasche in die Hand, taucht sie kurz in buntes Paraffin und dreht sie bis das Wachs fest wird. Dieser Vorgang dauert ungefähr ein bis zwei Minuten pro Flasche. Auf meine Frage, weshalb er sich diesen zeitintensiven Vorgang antut, antwortet Jordi nur: „Perfection in the bottle and perfection on the bottle.“

Brutal

 

Um 18.34 will ich den Zug in Montblanc nach Barcelona nehmen. Mit kleiner Verspätung fahre ich ab, Ticket gibt es im Zug beim Schaffner. 1,5 Stunden später steige ich in Barcelona aus und gehe die Strecke zum Hotel zu Fuß um von dieser Stadt, in der ich noch nie war, etwas zu sehen.
Im Hotel dusche ich kurz und widerstehe der Versuchung direkt ins Bett zu gehen. Ein doppelter Espresso hilft. Mein Ziel für heute Abend ist die Bar Brutal, das Hotel habe ich in weiser Voraussicht in ihrer unmittelbaren Nähe ausgesucht.

Die Bar Brutal hieß nicht immer so, erst seit unter anderem Joan Ramon Mit-Teilhaber ist. Seinen Einfluss merkt man deutlich. Die Weinkarte enthält fasst ausschließlich Naturwein, das meiste davon aus Katalonien und Frankreich.

Ich setze mich an den Küchentresen und starte mit Pet-Nat von Partida Creus zu ein paar Austern, lasse mir dann eine Flasche KM 31 von YoYo aus Nord-Katalonien (Südfrankreich) empfehlen und esse mich durch die halbe Karte: Bries mit Wasserkresse und Ponzu, Schwein mit Muscheln und Grapefruit, Hühnerleber mit Trockenfrüchten. Die Köche schicken aus ihrer winzigen Küche in beeindruckendem Tempo unzählige Teller. Der Service ist so aufmerksam, locker und professionell wie man es sich nur wünschen kann.

Um kurz nach zehn fliege ich am nächsten Morgen zurück nach Hamburg. Ich bin müde, glücklich, überfordert und verkatert. Freue mich auf zuhause und plane schon meinen nächsten Besuch.

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