On Tour: Zu Besuch bei Candialle und Dario Cecchini

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Officina

„SIGNORE E SIGNORI! LA-BISTECCA-ALLA-FIORENTINAAA!!!!“

Der imposante Mann steht nassgeschwitzt mit hochrotem Kopf und glücklichem Gesicht vor dem Grill, in jeder Hand ein riesiges T-Bone Steak, die Arme in die Höhe gestreckt und brüllt uns den Hauptgang entgegen. Es ist schon spät am Abend, man merkt immer noch wie heiß der Tag war, weit über 30 Grad, ich schwitze am ganzen Körper, ich bin satt, die ersten fünf Gänge waren ausschließlich Fleisch mit Ausnahme von Bohnen in Hühnerbrühe, einer Backartoffel mit Lardocreme und dem rohen Gemüse das wie Deko auf den Tischen rumsteht und welk wird.

Ein klein wenig betrunken bin ich auch schon. Der folgende Hauptgang wird mir den Rest geben. Nochmal das Glas vollmachen, einen tiefen Schluck nehmen und los gehts. Schließlich sind Wir extra für dieses Steak hierhergereist. Ins Herz der Toskana, zu Dario Cecchini nach Panzano.

Alle Gäste an den langen Tafeln, klatschen, johlen jubeln, viele machen Fotos von den Fleischbergen. Die Stimmung ist extrem ausgelassen. Es gibt Wein soviel man mag. Zumindest den Hauswein. Dario ist nach eigener Aussage Metzger und kein Gastronom, weswegen er ausdrücklich darum bittet, sich seinen eignen Wein mitzubringen. Und das ist der andere Grund warum wir hier sind. Und warum ich schon ein klein wenig Mühe beim Artikulieren habe.

Candialle

Ziemlich genau in der Mitte zwischen Florenz und Siena, oberhalb des kleinen Flüsschens Pesa liegt Panzano. Fährt man die Straße nach Siena ein Stückchen weiter bis zur Grenzbrücke, und biegt dann rechts in den Wald ab hat man es fast geschafft. Spätestens ab hier lässt man seinen gemieteten Fiat 500 besser stehen und geht den Rest zum Weingut zu Fuß. Wir haben uns gleich von Josephin und ihrem riesigen Land Rover abholen lassen.Wir haben uns aber auch furchtbar verfahren und unser Navi konnte uns auch nicht weiterhelfen.

Josephin Cramer bewirtschaftet mit ihrem Mann Jarkko das Weingut Candialle seit 2002. In mühevoller Arbeit haben sie den Hof liebevoll restauriert und sich eine wahre Oase geschaffen.

Josephin holt uns also mit Ihrem Geländewagen ab und gibt uns direkt eine Tour durch Ihre Weinberge, das Highlight ist sicherlich der Weinberg Pli, von dem der gleichnamige Wein stammt. Pli heißt ihm deutschen Falte und genau eine solche hat der Weinberg. Bepflanzt mit uralten Reben – teilweise ranken die sich sogar noch an Bäumen empor – nach Süden ausgerichtet und terrassiert. Hier lässt sich ziemlich gut der Galestroboden erkennen.

Die Hitze im Weinberg ist enorm, man merkt wie sehr der Berg die Wärme des Tages speichert und wieder abgibgt. In jedem Weinberg sieht man die nachhaltige Arbeitsweise von Candialle. Alles ist begrünt, Zwischen den Rebzeilen liegt natürlicher Dünger von eigens dafür angeschafften Kühen.

Das Weingut

Am Weingut angekommen kriegen wir eine schnelle Tour durch den übersichtlichen Keller. Besonders stolz ist Josephin auf die neu angeschafften Cluiver-tanks, Kugereifetanks aus Keramik in denen der Wein komplett ohne Luftaustausch reift. Der so aus 100% produzierte Mimas ist sehr besonders und ziemlich lecker.

Generell unterteilt sich das Weinangebot in die reinsortigen Sangiovese: La Misse, Candialle, Mimas, Pli und die so genannten Globetrotter aus internationalen Rebsorten: Ciclope, Circe, Cabernet Franc und der Rosato. Der neueste Zugang ist ein reinsortiger Merlot.

Bei der Verkostung der Weine auf der Terrasse des Weingutes kriegen wir Gesellschaft durch die beiden riesigen Hofhunde und haben einen fantastischen Blick auf die in die Nachmittagssonne getauchte toskanische Landschaft. Nach der Probe geht es zur Abkühlung mit der Flasche Rosato in den Pool. Spätestens jetzt will man sein eigenes Weingut in Italien besitzen und den Traum jedes deutschen Bildungsbürgers leben. Wir können uns nur schwer trennen, aber wir müssen weiter. Zum Metzger.

Die Weine

Im Gepäck haben wir mehrere Flaschen Rotwein, mit deren Hilfe wir uns direkt mit unseren Tischnachbarn aus Mailand anfreunden. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich den Cabernet Franc unterm Tisch versteckt und ganz alleine getrunken habe. Die ganze Flasche.

Am besten gechmeckt hat allen anderen der Ciclope, eine für 18 Monate im Barrique gereifte Cuvee aus Merlot, Sangiovese und Petit Verdot. Dieser Wein trifft tatsächlich am ehesten die Erwartungen der „ich trinke nur Italiener“ Besteller ohne dabei seine Eigenständigkeit zu verlieren. Nicht glattgebügelt und konform, nur so viel Schminke wie nötig. Benannt wurde dieser Wein übrigens nach dem alten Hofhund, der beim Kampf mit einem Stachelschwein sein rechtes Auge verlor.

Die große Schwester des Zyklopen, Circe, darf für 24 Monate in Barriques aus französiischer Eiche reifen, besteht aus Petit Verdot und Merlot und überfordert einen erstmal. Etwas Geduld, Zeit und Luft belohnt sie mit eindrucksvollem würzigem Duft, dunkler vollreifer Fruchtaromatik und einem langen geschmeidigem Abgang.

Der reinsortige Cabernet Franc ist was für Liebhaber, ausgebaut in gebrauchten Fässern zeigt er vor allem die Sortentypische Würze, etwas grüne Paprika und nur wenig Frucht. Dafür glänzt er mit enormem Trinkfluss und wunderbarer Frische. Es gibt leider auch nur wenige Flaschen. Eine Flasche davon hatten wir dabei. Geteilt hab ich die nicht.

La Misse

La Misse di Candialle: Der Name dieses Weines kommt aus einer Zeit, als es Mode in der Toskana war englische Worte zu benutzen. So wurde aus „Misses“ eben „La Misse“, das Fräulein von Candialle. Charmant, leichtfüssig und beeindruckend ob ihrer wunderbaren Frucht fließt sie die Kehle runter. Das Tannin ist fein, der Körper nicht zu groß. Davon trinkt man gerne mehr! Die Cuvée setzt sich zusammen aus Sangiovese, Malvasia nera und Canaiolo. Ausgebaut wurde der Wein in Betontanks was ihm eine wunderbare Frische verleiht.

Gelage bei Dario Cecchini mit den Weinen von Candialle

Der Chianti Classico wurde reinsortig aus Sangiovese produziert, dem Blut Jupiters. Nach 18 Monaten Ausbau in französischer Eiche reifte er 6 weitere Monate in Betontanks bevor er auf die Flasche kam. Ein wirklich klassischer Classico, ausgewogen elegant mit deutlicher Aromatik nach Sauerkirschen. Dazu mürbes Tannin und eine spürbare Säure. Dieser Wein schmeckt wirklich nach seiner Herkunft. Für mich präsentiert er wie kaum ein anderer das Chianti.

Pli

Aus den ältesten Stöcken vom Weinberg „Pli“ kommt ein Wein, der die Bezeichnung sperrig verdient hat. Nach der Gärung wird der Wein für 24 Monate on Barriques ausgebaut und braucht danach noch einige Jahre Flaschenreifung um trinkbar zu werden. Wir durften den 2009er probieren, der noch weit davon entfernt war seinen Höhepunkt zu erreichen. Aber zumindest auf einem guten Weg. Wie die Circe profitiert eine Flasche Pli von einem Dekanter, Zeit und Geduld. Dann viel Spaß beim Genießen. Am besten in guter Gesellschaft. Zum Beispiel der eines Steaks.

Zum Dessert gab es Olivenölkuchen, der angeblich vorzüglich war. Kann ich nicht bestätigen, nur einen Grappa bekam ich noch runter.

1 thought on “On Tour: Zu Besuch bei Candialle und Dario Cecchini

  1. Hallo Jonathan,

    Danke für Deinen informativen, sinnenfreudigen Bericht aus dem Herzen der Toskana.
    Schöne Anregungen und Tipps wieder einmal zu den Orten europäischer Hochkultur zu reisen. Vielen Dank und beste Grüße
    Ralph

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